Bis ich fliegen kann

Kurzgeschichte von K. W., Jg. 9 (2012)

Sie sitzt in ihrem Zimmer und schaut aus dem Fenster. Die Sonne hat ihre goldenen Finger über die Bäume und Hügel gelegt, sie taucht die Wiese in ein leuchtendes Gewand, spiegelt sich in den Eiszapfen, die von der Regenrinne hängen und lässt sie langsam schmelzen.

Sie hat helle Haut. Winterhaut. Sie ist zieht die Decke bis ans Kinn und wendet sich vom Fenster ab. Pouncer kommt aufs Bett gesprungen und drückt seine kalte Nase an ihre Wange. Sie lässt sich nach hinten ins Bett gleiten und krault den schnurrenden Kater hinter den Ohren. Er legt sich in ihre Armbeuge und bohrt seine kurzen Krallen in die Matratze. Dunkelgraues Fell, grüne Augen, ein Welle aus Liebe überkommt sie, und sie drückt ihr Gesicht an seinen Rücken.
Das Haus ist still, alle schlafen noch. Sie mag diese Stille. Sie ist wie die Stille, die morgens zwischen den Bäumen hängt, sich an den Ästen hangelt, und einen umgibt, wenn man allein spazieren geht. Unbändig.

Sie öffnet die Haustür und tritt in die Kälte hinaus. Die Eisluft schwappt ihr entgegen und sie muss keuchen. Sie stapft durch den glitzernden Schnee und hält ihr Gesicht in die Sonne, helle, fast verblasste Sommersprossen, bald schon verschwunden.
Sie läuft, bis sie die Glocken des Kirchturms hört, die ganz weit weg ihre schweren Töne über die Wiesen und Felder wirft.

Sie hört das Tellerklappern schon aus der Küche, als sie nach Hause kommt. Wahrscheinlich ist ihre Mutter schon lange wach. Wie lange sie wohl weg gewesen ist!?
Sie streckt den Kopf durch die Küchentür und wünscht ihrer Mutter einen guten Morgen. Sie legt die Brötchentüte auf den Küchentisch, holt den Brotkorb und füllt ihn. Ihre Mutter presst Orangen aus. Ein Sonntagsfrühstück. Die Sonne scheint durch die Scheiben in den Wintergarten, lässt die Blätter der Pflanzen glänzen.

Ihre Schwester und ihr Bruder kommen schlaftrunken die Treppe hinunter, die Haare zerwühlt und ungewaschen. Hungrig stürzen sie sich auf das Essen auf dem Tisch. Glückliches Kauen. Trunken vor Glück.
Die Mutter fragt „Willst du nichts essen, Mila?“. Traurig. Bittender Blick. Nein, sie möchte nicht, aber für ihre Mutter nimmt sie sich ein Stück Apfel und ein Glas Orangesaft. Frohes Lächeln von allen Seiten. Wie widerlich sie sich die Brotstücke in den Rachen schmeißen, die Zähne in die dick beschmierten Brötchen schlagen und den Kaffe, das Zuckerwasser, in großen Mengen fließen lassen.
Sie muss würgen. Steht auf, möchte auf die Toilette.

Ein angenehmes Gefühl durchströmt sie, als sie vor der Kloschüssel kniet. Sie wird dieses schlechte, ihren Körper aufblähende und aus den Kleidern platzen lassende Zeug nicht in ihrem Körper lassen. Sie wird frei sein, wird über die Dächer davon fliegen und die Kontrolle nie verlieren. Bis sie fliegen kann.

 

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