Nirgendwo hin

Kurzgeschichte von A. S., Jg. 9 (2012)

Sie wacht auf. Die Sonne scheint durch ihr Fenster und lässt die weiße Decke strahlen. Sie sieht auf den Wecker. Halb acht! Verschlafen! Schon wieder! Fluchend klettert sie aus dem Bett und schlüpft in die Klamotten vom Vortag. Sie hat keine Zeit mehr. Sie rennt ins Bad. Schminkt sich, putzt die Zähne. Die Schlüssel, die verdammten Schlüssel. Sie durchwühlt den Kleiderhaufen am Boden. Oh, auf dem Küchentisch, da liegen sie. Glück gehabt. Sie rennt die Treppe hinunter. Und gleich wieder hinauf. Ihre Tasche!

Endlich. Sie sitzt im Auto, atmet auf. Nur noch wenige Minuten und sie wird da sein. Aber sie möchte gar nicht ankommen, möchte nicht mit den anderen durch die Flure laufen, immer mit den gleichen Menschen, jeden Tag das Gleiche. Jeden Tag Angst, dass es wieder losgeht. Als sie auf dem Parkplatz steht, eine Hand auf dem Lenkrad, und die vielen Gesichter sieht, möchte sie einfach nur noch weg.

Aber sie kann natürlich nicht. Sie muss zur Schule, wie alle anderen auch. Sie steigt aus und geht in die große Eingangshalle. Schnell holt sie ihre Hefte für die nächsten Stunden aus dem Spind.

Sie steht vor der Tür zu ihrem Klassenraum. Der Lehrer ist schon da, aber er hat noch nicht mit dem Unterricht angefangen. Alle reden noch. Sie kann sogar ihre Freundin Anna heraushören. Ihre Hand liegt auf der Klinke und sie drückt sie hinunter. Anna blickt auf und kommt lächelnd auf sie zu. „Da bist du ja endlich.“ Sie umarmt sie. Der Lehrer möchte mit dem Unterricht beginnen. Sie setzt sich auf ihren Platz, packt die Hefte aus … und wieder ein. Ohne ein Wort verlässt sie den Klassenraum, rennt den Flur entlang, durch die große Eingangshalle bis zu ihrem Auto. Sie steckt den Schlüssel hinein und fährt los. Irgendwo hin. Nirgendwo hin.

 

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